Ressourcen für Unterstützung gebende Personen

Sie möchten LSBTIQPA+-Personen nach Gewalt unterstützen und suchen nach Ressourcen und inhaltlichen Anhaltspunkten?

Wir haben Ihnen hier die Tips und Denkanstöße, Haltungen und zentrales Hintergrundwissen zusammengestellt, die sich während der Durchführung des Projektes immer wieder als zentral herausgestellt haben. Sie sind insbesondere an soziale Einrichtungen bzw. Fachkräfte gerichtet, die sich mit dem Themenfeld LSBTIQPA+ und geschlechtsbezogene Gewalt befassen (wollen). Sie sind jedoch auch für andere Unterstützungskontexte von Nutzen. Zur Vertiefung der hier versammelten Empfehlungen kann das Projekthandbuch genutzt werden.

  • Anerkennen und verstehen, dass sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität zwei unterschiedliche Dinge sind, die nicht zusammenhängen müssen. Diese Kategorien sind allgemein voneinander zu trennen, um LSBTIQA+-Personen keine unzutreffenden Gruppenzugehörigkeiten zuzuschreiben.
  • Selbstbeschreibungen und Selbstbenennungen respektieren. Um eine positive Beziehung zwischen Berater_in und zu beratender Person aufzubauen, sollten Fachkräfte nicht nach Anhaltspunkten für oder gegen die sexuelle und geschlechtliche Einordnung einer Person suchen. Auch sollten keine Persönlichkeitsanteile angenommen werden, etwa aufgrund des Aussehens einer Person.
  • Fachkräfte sollten nie Trans-Personen nach ihrer geschlechtlichen Anatomie fragen, ohne dass ein konkreter Grund dafür vorliegt und vorher auf respektvolle Art und Weise ein Einverständnis für eine solche Frage eingeholt wurde. Wenn die Frage zwingend notwendig sein sollte, kann in professioneller Weise erklärt werden, warum die Frage von Belang ist, um ein solches Einverständnis einzuholen.
  • Geschlecht ist nicht binär, sondern umfasst ein breites Spektrum von Identitäten. Wie eine Person sich identifiziert, weicht möglicherweise von dem ab, was der Person seit Geburt zugeschrieben wurde. Menschen müssen sich nicht innerhalb binärer Strukturen von Geschlecht identifizieren und Fachkräfte und Unterstützungseinrichtungen sollten nicht annehmen, aufgrund der Erscheinung einer Person deren Pronomen zu wissen und auch nicht etwa darauf bestehen, offizielle „Dokumentennamen“ zu verwenden. Stattdessen kann nach Namen und Pronomen gefragt werden, um die weitere Kommunikation respektvoll und inklusiv zu gestalten.
  • Sexualitäten und Identitäten, die nicht mit binären Normen übereinstimmen, sind keine Symptome von psychischen Problemen. Geschlechtliche Dysphorie, Trans-Sein und nicht-normative Formen von Sexualität sind keine Krankheit. Das Medizinsystem ist aber lange von dieser Annahme ausgegangen. Dies ist der Grund, das manche Ärzt_innen oder auch Sozialarbeiter_innen (bewusst oder unbewusst) im Gespräch nach einem sogenannten Grund für das nicht-heterosexuelle Begehren oder die nicht-cis-/nicht-binäre geschlechtliche Identifizierung einer Person suchen. Besonders in der Verarbeitung von Gewaltwiderfahrnissen berichten LSBTIQPA+-Personen davon, dass dies im Kontakt mit Berater_innen oder anderem Unterstützungspersonal immer wieder vorkommt. Die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität einer nach Unterstützung suchenden Person derart zu hinterfragen oder „zu verändern“ zu versuchen, ist weder angemessen noch akzeptabel (und sogar menschenrechtswidrig).efühle der Dysphorie sind nicht für alle Trans-Personen gleich. Berater_innen sollten Trans- und Inter-Personen nicht zu medizinischen Eingriffen raten, die sich diese Personen nicht selbst wünschen oder die ausschließlich dazu dienen, den Körper der Personen (fremdbestimmt) der geschlechtlichen Norm anzupassen. Stattdessen sollte die zu beratende Person dabei unterstützt werden, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.
  • Stigmata, Vorurteile, Diskriminierung und Gewalt beeinträchtigen die Gesundheit von LSBTIQPA+-Personen. Dazu gehören auch z. B. institutionelle und strukturelle Hürden in den Systemen, die sich LSBTIQPA+Personen in den Weg stellen. Diskriminierende Strukturen sind vielfältig und durchziehen bestimmte Teile des Lebens so grundsätzlich, dass Personen, die nicht in einer bestimmten Hinsicht diskriminiert werden, diese nicht unbedingt wahrnehmen. Wenn LSBTIQPA+-Personen von Geschehnissen schildern, die sich Beratende vor ihrer eigenen Lebensrealität nicht vorstellen können, müssen die geschilderten Geschehnisse sowie die daraus folgenden Probleme dennoch unbedingt ernst genommen werden.
  • Eine unterstützende und bestärkende Atmosphäre, in der LSBTIQPA+Personen offen über ihre Sexualität und Identität reden und diese entfalten können, ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Beratung – insbesondere nach erfahrener Gewalt. Unter anderem kann es hierfür wichtig sein, „andere“ Namen, Pronomen oder Bezeichnungen für vergeschlechtlichte Themen zu verwenden, als die Fachkraft dies gewohnt ist. Hierfür existieren verschiedene hilfreiche Lernmaterialien, aber einfaches Zuhören und Akzeptieren ist immer ein guter Anfang und eine gute Grundlage.
  • Fachkräfte sollten wissen, wo ihre Expertise im Bezug auf LSBTIQPA+-Themen endet und sich um Weiterbildungen kümmern und stetiges Lernen praktizieren – oder die LSBTIQPA+ Personen an andere Stellen verweisen, wenn dies angebracht oder notwendig ist, um eine gute Beratung zu gewährleisten.
  • LSBTIQPA+-Beziehungen sind nicht weniger wert als normative Beziehungen,egal ob sie auch legal gleichgestellt sind oder nicht.
  • Herkunftsfamilien verhalten sich oft nicht unterstützend gegenüber LSBTIQPA+-Familienmitgliedern. Dies ist wichtig, im Kopf zu haben, wenn beispielsweise in der Beratung über bestehende oder potenzielle Ressourcen der Unterstützung suchenden Person gesprochen wird. Familiäre Beziehungen sind oft – auch wenn sie ansonsten „gut“ sind - von Missverständnissen, Vorurteilen und Diskriminierung beeinträchtigt.
  • Besondere Herausforderungen anerkennen, die sich aus den diskriminierenden Normen und Wertesystemen für LSBTIQPA+-Personen ergeben. Dies ist insbesondere im Bezug auf Mehrfachdiskriminierung wichtig: Die nach Unterstützung suchenden Personen können auch durch andere Macht- und Diskriminierungsverhältnisse wie Rassismen oder Behindertenfeindlichkeit gesellschaftlich marginalisiert werden. Intersektionale Ansätze helfen dabei, die komplexen Lebensrealitäten zu verstehen und besser gemeinsam mit ihnen umgehen und arbeiten zu können.
  • Manche Personengruppen innerhalb der LSBTIQPA+-Community sind einem erhöhtem Risiko ausgesetzt, Gewalt zu erfahren sowie nach Gewaltwiderfahrnissen nur schwer Unterstützung zu finden. Neben mehrfachdiskriminierten Personen sind dies minderjährige LSBTIQPA+-Personen, da sich diese vermehrt in Zwangskontexten bewegen – Schulklassen sind nicht frei wählbar und Mobbing an solchen Orten kann nur schwer begegnet werden. Sofern Eltern nicht unterstützend sind, sind unterstützende Einrichtungen i.d.R. gar nicht oder nur kaum erreichbar. Weitere Personengruppen, denen die Gesellschaft viele Hürden auf dem Weg zu Unterstützung in den Weg stellt, sind u.a. LSBTIQPA+-Sexarbeiter*innen sowie chronisch kranke / HIV-positive LSBTIQPA+-Personen (wenig Zugang zum Gesundheitssystem).
  • Besondere Herausforderungen in spezifischen Kontexten: Strukturelle Diskriminierung trifft LSBTIQPA+-Personen besonders stark auf dem Arbeitsmarkt, da Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität als Norm auch in diesem Kontext existiert. Das selbe trifft auf das Gesundheitssystem zu, das an vielen Stellen noch nach Paradgimen arbeitet, die auf der früheren Pathologisierung von LSBTIQPA+-Lebensweisen beruht.
  • Wissensvertiefung in Bezug auf Sexualität und geschlechtliche Identitäten kann u. a. durch stetige Fortbildungen, Supervisionen und Beratungen erreicht werden.
  • Wichtigkeit und Vorteile von interdisziplinären und anderweitig themenübergreifenden Ansätzen anerkennen. Dies gilt z. B. bei der (Gesundheits-)Versorgung von LSBTIQPA-Personen (verstärkt jedoch für Trans-, Inter- und gender-non-konformen Personen), sowie für die Zusammenarbeit der Träger untereinander, um gemeinsam gute Ergebnisse zu erreichen.
  • Für sozialen Wandel und gesamtgesellschaftlichen Fortschritt eintreten, um Diskriminierung und Stigmatisierung vorzubeugen, die sich negativ auf die Gesundheit von LSBTIQPA+-Personen (insbesondere jedoch auf die von Trans-, Inter- und gender-non-konformen Personen) auswirken.
  • Personen des LSBTIQPA+-Spektrums haben zwar einige Gemeinsamkeiten, aber dennoch ganz individuelle Lebensverläufe und Lebensrealitäten, die zu unterschiedlichen Bedürfnissen führen. Es ist wichtig, diese Unterschiede anzuerkennen, um sich als Fachkraft klar zu machen, wie unterschiedlich sich Diskriminierung und Stigmatisierung auswirken kann. Jede einzelne Person und jede einzelne Identität aus der übergeordneten Abkürzung LSBTIQPA+ (und andere, die in dieser Abkürzung nicht explizit genannt sind) hat eigene Bedürfnisse und individuelle sowie strukturell bedingte Situationen, mit denen es umzugehen gilt. Zudem kann eine Person mehrere dieser Buchstaben in sich vereinen. Eine Person kann weiteren Merkmalen zugehörig sein (oder zugehörig gemacht werden), die weitere Diskriminierungsverhältnisse nach sich ziehen. Die hat auf die Lebensrealität einer Person massiven Einfluss. Daher sehen die Lebensrealitäten z.B von verschiedenen Trans-Personen oder verschiedenen bisexuellen Personen usw. sehr unterschiedlich aus.

Materialien

Das Projekthandbuch mit weiteren Empfehlungen und Hintergrundwissen findet sich nach Veröffentlichung hier.

Suchen Sie nach Fortbildungen zum Thema, wenden Sie sich an lookwide(at)dissens.de

Hier finden Sie Listen von Organisationen, die Aufklärungs- und Bildungsarbeit machen:

Aufklärungsarbeit und Fortbildungen zu LSBTIQPA+ - Zielgruppe: Jugendliche

Aufklärungsarbeit und Fortbildungen zu LSBTIQPA+ - Zielgruppe: Erwachsene/Pädagog_innen/Fachkräfte

Zuletzt aktualisiert am 13.01.2020